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Die Entstehung: 12 Tage 12 Nächte in Wien

TAG 1

01.03.2006

„DAS EINFANGEN DER MENSCHENFRESSENDEN STUTEN“wien_tag01
„FÜNF SPIEGEL“

Vergrößerungsspiegel, Olivenzweige, Sand Mischtechnik auf Leinwand
100 cm / 200 cm

Mythologische Information:

Die erste Arbeit gelingt zunächst überraschend einfach. Herkules ist zu stolz über das schnelle Gelingen und übergibt die eingefangenen Stuten seinem Freund Abderis, der nicht stark genug ist, sie zu halten. Sie trampeln ihn tot. Herkules muss nun diese Arbeit wieder aufs Neue versuchen, immer wieder versuchen, einen Zugang zu sich selber zu finden.

24-Stunden-Information:

„Im Moment des Scheiterns besteht die größte Chance zur Selbstreflexion“, meinte ein Besucher.
Bernd Fasching begann Spuren eines menschlichen Antlitzes in den Sandgrund der Leinwand zu ritzen und diese Spuren nach und nach zu fixieren – wie ein Menschwerdungsprozess, etwas, das zur Gestalt drängt.
Später wurden Vergrößerungsspiegel in die Galerie gebracht:
Fünf davon finden sich bald als Bestandteil des Bildes auf der Leinwand wieder.


 


TAG 2

02.03.2006

„DIE GEFANGENNAHME DES KRETISCHEN STIERS“wien_tag02
„SUERTE SUPREMA (HÖCHSTES GLÜCK)“

Brokat, Sand, Mischtechnik auf Leinwand
100 cm / 200 cm

Mythologische Information:

Herkules fängt den kretischen Stier und reitet ihn über die Wellen des Meeres zum Festland.

24-Stunden-Information:

Ein Besucher, der sich später als Psychologe zu erkennen gab, erklärte, dass das „Reiten des Stiers über die Wellen des Meeres“ ein klassisches Symbol für unsere Triebkräfte wäre, die als Antriebskräfte für Sexualität und die unterschiedlichsten Formen sublimierter Sexualität im Leben wirksam werden. In ritualisierter Form fänden sie sich am direktesten im letzten Akt der Corrida wieder, den die Spanier „Suerte Suprema“ „Höchstes Glück“ nennen.


 


TAG 3
03.03.2006

„DAS SAMMELN DER GOLDENEN ÄPFEL DER HESPERIDEN“wien_tag03
„FERNE NÄHE“

Sand, Mischtechnik auf Leinwand
100 cm / 200 cm

Mythologische Information:

Auf der Suche nach dem Baum der Erkenntnis hört Herkules auf falsche Ratgeber. Er vergisst den Zweck seiner Suche und hilft den Menschen entlang des Weges. Atlas nimmt er die Last der Welt ab und bekommt die goldenen Äpfel als Geschenk.

24-Stunden-Information:

Je mehr wir unsere Aufmerksamkeit auf ein Ziel richten und dieses Ziel zur Projektionsfläche unserer Vorstellungen wird, umso weniger können wir in den nächsten Begegnungen und Situationen das erkennen, was wir erst am Ziel zu erwarten glauben.
Diesen Gedankenkreis der Gespräche im Laufe des Tages brachte ein englischsprechender Besucher auf den Punkt, als er von „remote closeness“, von „ferner Nähe“ sprach.
Das Bild wurde nach und nach zu einem Versuch, gleichzeitig das Offenbare und das Verborgene darzustellen.



TAG 4
04.03.2006

„DAS FANGEN DES REHS“wien_tag04
„BROT AUS DER ERDE – BROT AUS DEM HIMMEL“

Weizenähren, Sand, Mischtechnik auf Leinwand
100 cm / 200 cm

Mythologische Information:

Die Jagd nach dem Reh ist von langer Dauer. Herkules und das Reh finden Vertrauen zueinander. Er kann die Waffen weglegen und das Reh hochheben.

24-Stunden-Information:

Das Entwickeln von Vertrauen spielte im Kultivierungsprozess der Menschheitsgeschichte eine entscheidende Rolle, kristallisierte sich aus Gesprächen mit Besuchern heraus. Dass man Korn in die Erde setzte und das Vertrauen entwickelte,
die scheinbar endlos lange Zeit durchzuhalten – in der nichts zu sehen war, kein Zeichen des Erfolges – bevor die junge Pflanze aus dem Boden kam.
Ein Besucher erwähnte, dass sich diese Zusammenhänge noch im jüdischen Segensspruch für das Brot wieder finden: „ …der du es möglich machst, dass Brot aus der Erde kommt (Hamozi Lechem Min Haaretz)
Ein weiterer Hinweis: Als das Volk durch die Wüste zog und es keine Möglichkeit zur Nahrungsbeschaffung mehr zu geben schien – und nur noch ein Funken von Restvertrauen vorhanden war – da kam das Brot vom Himmel.
Bernd Fasching forderte Kinder auf, aus den im Sand der Galerie platzierten Strohballen, jene Weizenähren herauszusuchen, die übersehen wurden. Er arbeitete sie in das entstehende Bild ein.



TAG 5
05.03.2006

„Das Erwürgen des nemeischen Löwen“wien_tag05
„Globale Initfada”

Brokat, Sand, Mischtechnik auf Leinwand
100 cm / 200 cm

Mythologische Information:

Der Löwe wird von Herkules in eine Höhle gedrängt und mit bloßen Händen erwürgt.

24-Stunden-Information:

Von jenen Adrenalin-gesteuerten Feuerkräften, die jeder Mensch in Extremsituationen zu aktivieren im Stande ist, war an diesem Tag die Rede – das für einen Moment „Über-sich-Hinauswachsen“, um Leben zu retten, das aber auch lebensvernichtend, als zerstörende Energie wirksam werden kann.
Während dieser Gespräche wies ein Besucher auf eine Szene am TV-Monitor in der Galerie hin, wo bei der
„12 Tage – 12 Nächte in Jerusalem“ Dokumentation des israelischen Fernsehens eine Szene zu sehen war, in der Bernd Fasching sein T-Shirt auszog, es in Flammen setzte und brennend ins Bild hineinarbeitete. Dies geschah 1994.
Die Intifada dauerte damals bereits 7 Jahre.
„Welche Intifada?“, fragte ein Besucher 2006. „Das war doch die erste Intifada, die auf das Land Israel beschränkt war. 2006 findet doch längst die globale Intifada statt.“ Daraufhin entzündete Bernd Fasching zusammen mit Besuchern einen kostbaren Brokatstoff – Sinnbild für die Verfeinerung, aber auch für den einseitigen Reichtum einer Kultur. Die angebrannten Brokatfetzen wurden zu Bestandteilen des Bildes.



TAG 6
06.03.2006

„DAS ERGREIFEN DES GÜRTELS DER HIPPOLYTA“wien_tag06
„PALMA“

Palmenblatt, Satinhandschuhe, Sand, Mischtechnik auf Leinwand
100 cm / 200 cm

Mythologische Information:

Herkules soll den Gürtel der Amazonenkönigin Hippolyta holen. Sie bietet ihm den Gürtel der Liebe dar, er aber erschlägt sie im Übereifer seines vermeintlichen Auftrags.

24-Stunden-Information:

Ähnlich wie in New York kreisten die Gespräche bei dieser Arbeit zunächst um die Neigung der Menschen – auf der einen oder anderen Ebene – jene zu töten, die sie lieben.
Ein Besucher hörte von der Einladung zu den „12 Tagen – 12 Nächten“, Gegenstände von persönlicher Bedeutung mitzunehmen. Er brachte ein Palmenblatt, das beim jüdischen Laubhüttenfest (Sukkot) Jahr für Jahr Teil des Daches dieser Hütte (Sukka) war – und die Behauptung wurde in den Raum gestellt, dass die Hütte oder das Haus die Frau symbolisiere. Der Mann könne nur Gast sein. Kurze zeit später brachte eine Frau Satinhandschuhe. Bernd Fasching war interessiert an der formalen Entsprechung von Palmenblatt und Handschuhen im Bild, bis er darauf hingewiesen wurde, dass es in der lateinischen Sprache ein und dasselbe Wort für Hand und Palme gibt: „Palma“. So auch im Hebräischen: „Kapah“
Das Palmenblatt über den Handschuhen ließ bei vielen Besuchern das Bild des Eindringens, Abwehrens, aber auch des Aufnehmens entstehen.
Die Hand („Hamsa“) ist im gesamten orientalischen Raum als Schutzzeichen auf Häusern präsent.



TAG 7
07.03.2006

„DAS FANGEN DES EBERS“wien_tag07
„STRICHCODE (BARCODE)“

Papier, Sand, Mischtechnik auf Leinwand
100 cm / 200 cm

Mythologische Information:

Die Menschen des Landes haben Angst vor dem Eber. Herkules jagt ihn immer höher in die Berge. Auf diesem Weg begegnet Herkules einem Centauren. Sie trinken vom Wein, der für das gemeinsame Ritual bestimmt ist. Die anderen Centauren kommen zurück und bemerken den Frevel – es beginnt ein Kampf, und Herkules tötet einen der Centauren. Voller Verzweiflung fängt er anschließend den Eber im Schnee der Berge und treibt ihn, an den Hinterbeinen haltend, ins Tal. Die Menschen können nun lachen, auch über sich selbst und darüber, dass sie vor einem solchen Tier Angst gehabt haben.

24-Stunden-Information:

Die Gespräche konzentrierten sich auf jenen Aspekt der Geschichte, da Herkules erstmals seine Konditionierung durchbricht, sich auf etwas anderes als seinen Auftrag einlässt. Mitarbeiter eines Unternehmens das Strichcodes entwickelt, brachten nach vorangegangenen Hinweisen, vergrößerte Drucke dieser Codes in die Galerie. Bernd Fasching integrierte sie ins Bild und durchbrach sie gleichzeitig mit einem monumentalen Code im Zentrum sowie an den beiden Seitenflächen des Keilrahmens.



TAG 8

08.03.2006

„DIE TÖTUNG DER NEUNKÖPFIGEN HYDRA“wien_tag08
„SAKRALER TOTALITARISMUS“

Holz, Sand, Mischtechnik auf Leinwand
100 cm / 200 cm

Mythologische Information:

Herkules soll die neunköpfigen Hydra töten, die in einem Sumpf wohnt. Je mehr er sie bekämpft, desto mehr gewinnt sie Macht über ihn. Sobald er ihr ein Haupt abschlägt, wachsen aus dem Stumpf zwei neue. Erst als er sie in eine andere Ebene hebt – den Fokus wechselt – verliert sie ihre Macht

24-Stunden-Information:

Ein Besucher brachte eine Schlange in die Galerie und wies auf die genaue Entsprechung dieser Herkules-Aufgabe mit einer Szene in der Bibel hin: Als das Volk Israel in der Wüste von einer Schlangenplage heimgesucht wurde, bekam Moses den Auftrag eine eherne Schlange zu formen und sie auf einer Stange aufzurichten. Allen, die diese Schlange ansahen, konnte Schlangengift nichts mehr anhaben. Am Boden war sie eben noch totbringend – auf anderer Ebene aber heilend.

Eine Nonne ergänzte: Im Johannesevangelium werden Jesus die Worte in den Mund gelegt: „So wie Ihr die Schlange in der Wüste erhöht habt, so werdet Ihr den Menschensohn erhöhen.“

Nachdem die Schlange in das Bild integriert worden war, entzündeten sich vielfältige Gespräche über „sakralen Totalitarismus“ (Sloterdjk), insbesondere über aktuelle Entwicklungen im Islam im Vergleich zur scheinbaren Überwindung eben jenes Totalitarismus in Europa.



TAG 9

09.03.2006

„DAS ERLEGEN DER STYMPHALISCHEN VÖGEL“wien_tag09
„RAUSCHEN (DER LÄRM DER WELT)“

Neoprenanzug, Stimmgabel, Sand, Mischtechnik auf Leinwand
100 cm / 200 cm

Mythologische Information:

Die Menschen von Stymphalos werden verrückt vom entsetzlichen Geschrei der Vögel. Herkules verschießt alle seine Pfeile – aber ihr Gefieder ist aus Eisen. Nun versucht er, sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Er stopft sich Wachs in die Ohren und macht einen noch entsetzlicheren Lärm. Die Vögel fliehen.

24-Stunden-Information:

Aus dem Lärm der Welt, dem ständigen Rauschen um uns herum, den Klang herauszufiltern, war die Essenz der Gedanken und Gespräche, als ein Neoprenanzug in die Galerie gebracht wurde und sich bald in zwei Hälften geteilt auf dem Bild wiederfand.
Im Zentrum der auseinandergerissenen Schutzhülle eine Stimmgabel: Der Kammerton „A“, von einer Musikerin gebracht.
Der Körper als Klangkörper, ein Resonanzkörper für den Klang.
Es war auch die Rede von der Offenbarung, wie sie Israel am Sinai gegeben wurde. Ein gewaltiges Rauschen, das zuviel für das Volk gewesen sei, sie konnten daraus nur das „Aleph“, den Klang heraushören, den ersten Buchstaben des ersten Wortes, des ersten Gebotes: „Anochi“ „Ich“.


TAG 10
10.03.2006

„DAS ERSCHLAGEN DES CERBERUS“wien_tag10
„DER MOSES DES MICHELANGELO (SIGMUND FREUD)“

Feuerspuren, Sand, Mischtechnik auf Leinwand
100 cm / 200 cm

Mythologische Information:

Herkules steigt in die Unterwelt, erschlägt den Cerberus und befreit Prometheus, der an einen Felsen gefesselt ist. Indem er Prometheus befreit, bringt er das Licht in die Unterwelt.

24-Stunden-Information:

„Das Licht in die Unterwelt bringen“. Dabei wurde umgehend der Begriff „ Unterwelt“ als das „Unbewusste“ gedeutet. Es wurde Sigmund Freud zitiert, der in seinem Buch „Der Moses des Michelangelo“ den Künstler als unentbehrlichen intellektuellen Helfer auf dem Weg zur Entdeckung des Unbewussten sieht. In voller Absicht gab er, den von ihm entdeckten seelischen Entwicklungsstadien und Neurosen mythologische Namen und sah sich als Nacharbeiter der Künstler: Was diese vorbewusst immer schon erahnten, hätte er dann in die rationale Sprache der Wissenschaft gefasst.
Diese Zusammenhänge wurden in den Gesprächen des Tages heftig diskutiert und zum Teil auch in Frage gestellt.
Bernd Fasching bekam von einem der Gesprächsteilnehmer einen Lötbrenner, um mit Feuer weiter zu malen.
Die Flammen des Feuers durchdrangen die Leinwand. Durch die Öffnung in dieser Projektionsfläche kann nun Licht hinter die Leinwand eindringen.


TAG 11
11.03.2006

„DIE SÄUBERUNG DES AUGIASSTALLES“wien_tag11
„DYNAMIK IM SOZIALEN FELD“

Markierungsstäbe, Sand, Mischtechnik auf Leinwand
100 cm / 200 cm

Mythologische Information:

Seit Generationen wurden die Stallungen nicht mehr gereinigt. Der Dreck stinkt zum Himmel. Herkules bietet König Augias seine Dienste an. Er leitet zwei Flüsse durch die Stallungen. Sie schwemmen den Unrat fort.

24-Stunden-Information:

Als die Bemerkung fiel, dass das Wort „Stall“ ursprünglich von „Stab“ stammt, also von den Markierungsstäben der Weiden der Viehzüchter und damit die ersten Vorformen sozialer Ordnungssysteme darstellen, wurden zwei dieser Markierungsstäbe an die Keilrahmen der Leinwand montiert.
Aber alle sozialen Strukturen tragen in sich die Tendenz nach einer gewissen Zeit zu erstarren. Der Begriff des „sozialen Feldes“, geprägt vom französischen Soziologen Pierre Bourdieu, wurde ins Gespräch gebracht und dazu noch der Hinweis, dass soziale Felder von erheblicher Dynamik geprägt sind und sie von Generation zu Generation von Neuem mit Leben erfüllt werden müssen.
Zwischen den Markierungsstäben am Rande der Leinwand entstand ein Fluss aus Farbe, der sich an Widerständen bricht.


TAG 12
12.03.2006

„DAS EINFANGEN DER ROTEN HERDE DES GEYRON“wien_tag12
„SECHS MILLIARDEN REISKÖRNER“

Reis, Sand, Mischtechnik auf Leinwand
100 cm / 200 cm

Mythologische Information:

Herkules befreit eine Rinderherde, die vom Riesen Geyron in viel zu beengenden Umständen gehalten wird. Er treibt sie über die Alpen und sie können sich über ganz Europa ausbreiten.

24-Stunden-Information:

Eine Explosion von Reiskörnern. Sechs Milliarden: Die geschätzte momentane Anzahl von Menschen.

 

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